Arbeitsinhalte und Arbeitsmarkt

Nach aktuellen Schätzungen werden durch die Digitalisierung in den kommenden Jahrzehnten zwischen 40 und 50 % der heutigen Berufe verschwinden. Wegen neuer Geschäftsmodelle und leistungsfähiger IT- und Netzwerklösungen, wegen digitaler Technologien wie 3D-Druck, Robotik oder Künstlicher Intelligenz werden sie einfach nicht mehr benötigt.

Dafür werden neue Berufe entstehen. Bestehende Berufe ändern sich, z. B. durch die Zusammenarbeit eines Fertigungsmitarbeiters mit einem Roboter, oder durch andere neue technische Möglichkeiten. Die Gewichte einzelner Berufe und Tätigkeiten werden sich verschieben.

Die Weiterentwicklung unserer Volkswirtschaft hin zum tertiären Sektor, d. h. hin zu mehr Dienstleistungen, wird weiter gehen und entsprechend den Arbeitsmarkt verändern.

Ob die Demografie in Deutschland mit der geringeren Anzahl arbeitsfähiger Menschen einen positiven oder negativen Betrag zu den skizzierten Veränderungen in der Arbeitswelt leistet – da gehen die Einschätzungen und Vorhersagen auseinander. Viel hängt sicherlich auch davon ab, wie wir insgesamt die weitere digitale Transformation gestalten und bewältigen.

Bedarf an Fach- und Führungskräften

Schlüsselressourcen der Zukunft sind Wissen, Vernetzung und Kreativität.  Alle Berufe und Tätigkeiten die hierzu einen Beitrag leisten können, werden wachsen.

Gesundheit und Wohlbefinden vor allem der dringend benötigen Fach- und Führungskräfte werden einen noch höheren Stellenwert haben. Schon heute gibt es in manchen Firmen den Feel Good Manager. Mitarbeitergewinnungs- und –bindungsprogramme beschäftigen zahlreiche Fachleute in den Bereichen Human Resources und Unternehmenskommunikation. Aus- und Weiterbildung werden einen noch größeren Raum einnehmen.

Die Programmierung, Steuerung und Überwachung automatischer Einrichtungen und Systeme sowie die Interaktion mit ihnen werden massiv an Bedeutung gewinnen. Entsprechend hoch wird der Bedarf in den betreffenden Berufsgruppen sein.

Andererseits werden beispielsweise die Banken zukünftig weniger Fachpersonal benötigen.

In Teil 8 dieser Blog-Reihe habe ich ausgeführt, warum die Unternehmen in Zukunft vergleichsweise weniger fest angestellte Mitarbeiter haben werden. Umso wichtiger werden mit zunehmender „Automatisierung“ der gesamten Arbeitswelt Kommunikation und Zusammenarbeit der Beschäftigten sowie eine gute Führung.

Vorausgesetzt, wir bleiben von Krisen und Katastrophen historischen Ausmaßes verschont, scheint mir auf jeden Fall eines sicher zu sein: In den nächsten Jahrzehnten wird in Industrie, Dienstleistung und Handwerk der Bedarf an Fach- und Führungskräften weiter deutlich zunehmen. Denn diese werden für die weitere Entwicklung der digitalen Technologien und deren Umsetzung in den Unternehmen und in unseren Alltag dringend benötigt.

Da dies in keiner Weise zu unserer demografischen Entwicklung passt, ist ein extremer Mangel an Fach- und Führungskräften – deutlich größer als heute schon – unschwer vorherzusagen.

Wie es heute (Juni 2018) in technischen Branchen in Deutschland aussieht, zeigt die folgende Übersicht:

Weniger qualifizierte Tätigkeiten

Auch bei den weniger qualifizierten Tätigkeiten wird sich vieles verändern. Die Entwicklung der letzten 10 – 20 Jahre in Handel und Logistik zeigt dies beispielhaft.

Online Handel und Logistik

Der Einzelhandel ist vom digitalen Wandel massiv betroffen. Im Jahr 2017 wurden bereits über 13 % des Einzelhandelsumsatzes online erzielt. Und der Online-Handel wächst weiterhin.

Die Konsumenten übernehmen selbst einen Großteil der Verkaufs- und Beratungstätigkeit. Sie informieren sich im Internet und bestellen online. In der Regel, ohne dass ein Mitarbeiter des Verkäufers persönlich einbezogen ist. Mit rückläufigem Umsatzanteil im stationären Einzelhandel wird dementsprechend auch das Verkaufspersonal in den Geschäften weiter abnehmen. Im Gegenzug steigt der Bedarf an Mitarbeitern in den Online-Marketing Bereichen, in den Lägern und Versandabteilungen der Internethändler sowie vor allem bei Paketdienstleistern wie DHL, DPD, Hermes, UPS überproportional.

Insbesondere in der Vorweihnachtszeit müssen Millionen von Paketen zusätzlich zugestellt werden. Das gilt ganz besonders für Amazon, den Marktführer im deutschen Online-Handel. In deren Logistikzentren, über Deutschland verteilt, werden tausende zusätzliche Mitarbeiter für einige Wochen bis Monate eingestellt, um den Berg an Auslieferungen zu bewältigen.

Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse

Immer wieder sind allerdings die Arbeitsbedingungen bei Amazon und die Bezahlung der befristet Arbeitenden Anlass zu Protesten für die Gewerkschaften. Das Lohnniveau in der Logistikbranche ist ohnehin eher niedrig. Bezogen auf die in der Vorweihnachtszeit zu leistende Arbeit gilt das erst recht. Viele der beschriebenen Arbeitsverhältnisse werden als „prekär“ eingestuft. Zahlreiche Beschäftigte sind auf zusätzliche Unterstützung durch unsere Sozialsysteme angewiesen. Andererseits bieten solche Tätigkeiten vielen Menschen mit Migrationshintergrund einen vergleichsweisen einfachen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt.

Aus heutiger Sicht ist noch wenig erkennbar, mit welchen flächendeckenden Techniken in Zukunft die vielen Pakete an die Haustür geliefert werden können. Drohnen kommen höchstens für spezielle Anwendungen in Frage. Ob autonomes Fahren oder Zustellroboter die Beschäftigten in der Logistikbranche sukzessive ersetzen werden, bleibt abzuwarten.

Erhebliche Personalsorgen plagen auch das klassische Speditionsgewerbe. Dort werden seit Jahren händeringend LKW-Fahrer gesucht. Vor kurzem habe ich einen LKW überholt mit der Aufschrift „Vor Ihnen fährt eine Besonderheit: Ein LKW mit einem deutschen Fahrer.“ (sinngemäßes Zitat). Es wird sicherlich noch viele Jahre dauern, bis mehrheitlich LKWs autonom und ohne Fahrer an Bord die Waren liefern.

Unternehmen allgemein

Viele einfache Tätigkeiten in den Unternehmen lassen sich heute schon automatisieren. Das gilt ganz besonders in Produktion und Logistik. Die Einkaufsabteilungen werden verstärkt die Vorteile des Online-Handels nutzen. Intelligente und benutzerfreundliche IT-Lösungen ermöglichen vielen Fach- und Führungskräften, Aufgaben, mit denen sie bisher weniger qualifizierte Kolleg(inn)en beauftragt haben, selbst zu erledigen.

Viele Leistungen, die nicht zur Kernkompetenz der Unternehmen zählen, werden an externe Dienstleister „outgesourct“. Auch wenn letztere zusätzliche Mitarbeiter einstellen, werden sie damit nicht den gesamten Rückgang in den Unternehmen, was einfachere Tätigkeiten betrifft, kompensieren.

Häuslicher Bereich

Im privaten Umfeld dürfte dagegen der Bedarf an „häuslichen Dienstleistungen“ weiter zunehmen. Das gilt im Besonderen für alle Pflegetätigkeiten angesichts unserer demografischen Situation. Aber auch jüngere Bevölkerungsgruppen werden rund um Haus (und Garten) Unterstützung in Anspruch nehmen, wenn sie es sich leisten können oder anderweitig darauf angewiesen sind. Technische Lösungen, wie z. B. Roboter für Rasenmähen oder Staubsaugen sind hier nur bedingt eine Konkurrenz.

Insgesamt erwarte ich in den nächsten 10 – 20 Jahren nicht, dass die Nachfrage nach weniger qualifizierten Tätigkeiten groß abnimmt. Aber es wird spürbare strukturelle Veränderungen geben. Die Gesamt-Einwohnerzahl in Deutschland wird in der genannten Zeitspanne noch weitgehend stabil bleiben, aber der Anteil der älteren Bevölkerung nimmt rasant zu. Ein flächendeckend hoher „Automatisierungsgrad“ in den diversen Arbeits- und Lebensbereichen, der einfache Tätigkeiten „wegrationalisiert“, wird noch eine ganze Weile auf sich warten lassen.

Wie geht es weiter?

Dies war jetzt der zehnte Teil meiner Blog-Serie zum Thema „Was ist Digitalisierung“. Mit einer Zusammenfassung, einem Fazit in der nächsten werde ich diese Serie – zumindest erst einmal – abschließen.

Ludger Grevenkamp
13. September 2018

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