Zeitgemäße produktive Fehlerkultur

In meinen bisherigen Beiträgen zu Fehler und Fehlerkultur ging es um

  • Fehler machen dürfen
  • Fehlerstrategien
  • Produktive/destruktive Fehlerkultur
  • Fehlerkultur in Deutschland

Spätestens jetzt dürfte deutlich werden, dass wir Fehler je nach Art und Situation, in denen sie passieren, oder wer sie macht, differenzieren sollten.

Der Leitsatz, der heute in vielen Unternehmen zu hören ist, „Man darf Fehler machen“, ist wohl doch etwas zu einfach. Eine pauschale Erlaubnis oder gar Aufforderung, Fehler zu machen, ist weder zielführend noch produktiv. Genauso ist die Angst vor Fehlern immer destruktiv.

Die moderne Arbeitswelt und die Anforderungen an die Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gewandelt. Und sie werden sich auch vor dem Hintergrund der rasant fortschreitenden Digitalisierung weiter erheblich verändern. Längst hat sich herumgesprochen, wie wichtig für den Erfolg eines Unternehmens die Führungskultur ist. Und die Fehlerkultur ist ein wesentlicher Teil davon.

Die beste Unternehmensstrategie verfehlt großenteils ihre Wirkung, wenn sie nicht zur Kultur des Unternehmens passt und nicht von den Mitarbeitern getragen wird. Das nachfolgende Zitat, das dem Management-Guru Peter Drucker zugeschrieben wird, könnte nicht deutlicher sein:


Eine zeitgemäße produktive Fehlerkultur orientiert sich an diesen vier Leitlinien:

1. Immer mit Fehlern rechnen und entsprechende Maßnahmen treffen

Fehler kommen vor. Wir Menschen sind nicht fehlerlos. Die Natur und unsere Umwelt haben wir nur bedingt im Griff. Auch von Menschen entwickelte Maschinen, Computer und Software sind nicht fehlerlos.

Wir müssen also immer mit Fehlern rechnen. Und, abhängig von eventuellen Auswirkungen möglicher Fehler, entsprechende Vorsorge- und Sicherheitsmaßnahmen treffen.

Das gilt zwingend bei Extremrisiken, bei denen keine Fehler passieren dürfen.

Es gilt auch besonders bei neuen Produkten und bei echten Innovationen, deren Schwächen und Fehler wir umgangssprachlich gern als „Kinderkrankheiten“ bezeichnen. Werden Produkte in großen Stückzahlen auf den Markt gebracht, wie z. B. ein neues Smartphone von Apple oder Samsung, sind alle denkbaren Risiken durch entsprechend aufwändige Tests und andere Maßnahmen zu minimieren. Das milliardenteure Akku-Desaster beim Galaxy S7 von Samsung ist vielen sicher noch in Erinnerung.
Ähnliches gilt für neue Produkte mit hohen Anforderungen an ihre fehlerfreie Funktion, wie z. B.: medizinische Geräte oder Autos.

Auch ist es häufig ein Unterschied, wer einen Fehler macht. Unterläuft einem Berufsanfänger in der Einarbeitung oder einem Auszubildenden ein Fehler, ist das vielleicht einkalkuliert oder wird sogar wegen des Lerneffekts positiv gesehen. Passiert ein ähnlicher Fehler einem langjährigen Berufsprofi ist das meistens etwas anderes.

Das gilt in allen Bereichen unserer Gesellschaft. Es ist in der Regel ein gewaltiger Unterschied, ob der „Chef“ einer Organisation einen Fehler macht oder ein Sachbearbeiter. Dementsprechend ist mit den „Fehlerrisiken“ umzugehen.

2. Gezielt herbei geführten Fehlern mit Sorgfalt und Disziplin begegnen

Gerade auch kalkulierte Fehler, wie z. B. Crashtests in der Autoindustrie oder andere Produkttests, müssen besonders sorgfältig vorbereitet und kalkuliert werden, damit sie ihren Zweck erfüllen. Außerdem sind solche Tests teuer und aufwändig. Die anderweitig schwer zu entdeckenden Fehler sollen auch wirklich gefunden werden. Fehler in der Vorbereitung und Durchführung solcher Tests sollten nicht passieren.

Gleiches gilt für Versuche und Experimente, die wegen des erwarteten Gewinns neuer Erkenntnisse durchgeführt werden. Geht man hier nicht entsprechend überlegt und sorgfältig vor, sind die möglichen Resultate entsprechend.

Aber die Trennlinie zu Experimenten, in denen man bewusst ergebnisoffen und mit entsprechendem Aufwand und Engagement etwas probiert, ist fließend, denn nicht alles lässt sich vorausplanen oder zuverlässig abschätzen.

3. Kreativität und neuen Ideen Freiraum geben

Viele Startups glauben, eine gute Geschäftsidee zu haben, und probieren es. Viele von ihnen scheitern, andere entdecken bei ihrem Streben nach Erfolg neue Geschäftsideen und probieren es ein weiteres Mal. Einige wenige haben weit mehr Erfolg, als sie sich je haben träumen lassen. Siehe z. B. die großen US-Internetunternehmen. Viele Innovationen wären ohne die Begeisterung und Hartnäckigkeit einzelner so nicht zustande gekommen.

Etwas Vergleichbares geschieht auch immer wieder in einem Unternehmen. Können Mitarbeiter weitgehend eigenverantwortlich – unter Einhaltung wirklich wichtiger Regeln – ihre Aufgaben und Probleme lösen, entdecken sie immer wieder neue Wege oder haben gute Ideen, von denen andere oder auch die gesamte Organisation profitieren. Gerade angesichts des weiteren digitalen Wandels und der damit verbundenen Veränderungen unserer Arbeitswelt sind ein solcher Freiraum und kreative Experimentierfreude unbedingt zu begrüßen.

Last but not least – in der Aus- und Weiterbildung geht es ums Lernen. Und aus Fehlern lernt man besonders gut!

4. Mit Fehlern offen und konstruktiv umgehen

Aber egal, um was für einen Fehler es sich handelt, oberstes Prinzip muss sein, mit Fehlern offen umzugehen. Auch wenn dies unangenehme oder gar harte Konsequenzen für den oder die Fehlerverursacher hat. Denn das Vertuschen, Verschweigen, Abstreiten oder Nicht-zugeben-Wollen von Fehlern sind ein besonders starkes Gift für eine konstruktive Fehlerkultur.

Offenheit und Transparenz im Umgang mit Fehlern sind unverzichtbar. Nur so kann es gelingen, die Ursachen, wie und warum der Fehler entstanden ist, vernünftig zu ermitteln und daraus zu lernen. War es z. B. das Fehlverhalten eines Einzelnen, war es die Verkettung mehrerer Ursachen oder gibt es systematische Schwachstellen oder …

Die hier gewonnenen Erkenntnisse und das Einleiten entsprechender Maßnahmen helfen, eine Wiederholung des Fehlers in Zukunft möglichst auszuschließen. Auch ergeben sich so häufig geeignete Lösungen, um den Fehler wieder gut zu machen. Ist die Situation in dieser Weise für jeden Beteiligten transparent und nachvollziehbar, werden auch eventuell notwendige weitere Konsequenzen eher angemessen ausfallen und von den Betroffenen als fair empfunden.

Fazit

Eine zeitgemäße produktive Fehlerkultur ist für den Unternehmenserfolg extrem wichtig.

Im Unternehmen eine solche Fehlerkultur zu schaffen und die entsprechende Kompetenz der Beschäftigten zu entwickeln, ist eine besonders lohnende Aufgabe. Sie verringert nicht nur die Fehlerkosten und führt zu besseren Abläufen. Sie unterstützt und fördert gleichzeitig eine zukunftsorientierte Führungskultur mit der entsprechenden positiven Wirkung auf Innovation, Kreativität und Motivation der Mitarbeiter.

Ludger Grevenkamp
23. August 2018

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